Montag, 11. Juli 2011

Wiener Wohnen: Lobmeyr-Hof verfällt seit 21 Jahren, den Rest besorgt die Stadt ...

Vier Tage nach Beginn der Besetzung des Lobmeyr-Hofes in Ottakring (am 7. Juli) zeigt sich immer deutlicher, was der Eigentümer, die Stadt Wien (konkret deren untergeordnete Holding "Wiener Wohnen") für ein Spiel mit dieser in mehrfacher Hinsicht wertvollen Immobilie spielt.

Seit die Stadt den Hof vor 21 Jahren gekauft hat, lässt sie ihn verfallen. Rund 160 Wohnungen zählt der aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts stammende Komplex. Heute sind nur noch zwei Wohnungen vermietet, wobei ein Mieter bereits in Kürze auszieht, die letzte Partei weigert sich noch. Alle Wohnungen wurden nach Auszug ihrer Mieter - ein offenbar seit einigen Jahren andauernder Prozess - von der Stadt nicht mehr weitervermietet. Offiziell deswegen, damit der teilweise denkmalgeschützte Hof renoviert werden kann. Doch beim Lokalaugenschein in einigen der leer stehenden Stiegen müssen einem massive Zweifel an dieser Darstellung aufkommen. So wurden in fast allen besichtigten Wohnungen sämtliche Sanitäreinrichtungen (Waschbecken, Klo, Dusche, Heizkörper) systematisch herausgerissen und zerstört, verbliebene Anschlüsse und Abflüsse mit Bau-Schaum verstopft. Strom- und Wasser-Anschlüsse wurden (weitgehend) abgetrennt, doch offenbar nicht bevor einige Wohnungen ordentlich unter Wasser gesetzt wurden: Aufgeblähte Parkettböden und von Schimmel durchzogene Treppenhäuser und Zimmer sprechen eine eindeutige Sprache. Dazu kommt, dass die Stadt in Reaktion auf die Besetzung sämtliche Haus- und Hofeingänge sowie dutzende, teils neue (!) Fenster, mit Bohrmaschine und Brettern verbarrikadiert bzw. unöffenbar/zerstört hat. Sieht so der Umgang mit einer Immobilie aus, deren Erhalt und Erneuerung angestrebt wird? Falls ja, muss man hier von einem sehr unökonomischen Vorgang sprechen: es würden Kosten für die Reparatur von selbst angerichteten Schäden anfallen.

So oder so ähnlich sieht eine Wohnung im Lobmeyr-Hof nach Auszug des letzten Mieters und Übergabe an "Wiener Wohnen" aus - Wasserschaden häufig inklusive.

Stadt gentrifiziert selbst

Realistischer - und ähnliche Vorgänge in der Vergangenheit sowie ein Blick auf die Nachbarschaft via Satellitenbild (Google Maps) bestärken diese Annahme - erscheint jedoch, dass der Hof (unter kräftigem eigenen Zutun) so lange verfallen und vermodert werden lassen soll, bis er abrissreif ist. Dann kann die leere - und umso wertvollere Immobilie - einer neuen Verwertung, respektive "Aufwertung" entgegenblicken. Mit Pool auf dem Dach - wie bei den angrenzenden Neubauten zu sehen - wäre diese neue Wohnanlage wohl kaum für eine dem sozialen Wohnbau angemessenen Miete zwischen 5 und 10 € pro m² zu haben. Ein Blick in die Umgebung und in den Lobmeyr-Hof zeigt ganz deutlich: Die Stadt Wien beteiligt sich ganz ungeniert an der Gentrifizierung ("Aufwertung") eines Gebiets mit guten öffentlichen Verkehrsanschlüssen in Ottakring. Die Stadt Wien betreibt im Namen der WählerInnen der SPÖ eine Politik, die günstigen, gut ausgestatteten, lebenswerten und für alle leistbaren Wohnraum durch Hochpreisimmobilien auf bzw. über Marktniveau ersetzt. Ein weiteres Beispiel, dass die Stadt Wien in Ottakring gentrifiziert, also die niedrigen (und vor allem für Zuwanderer attraktive) Immobilienpreise in die Höhe treibt, um als Grundstücksbesitzer häufig selbst ordentlich mitzuschneiden, ist das als Kulturinitiative "verkaufte" jährliche Festival "SoHo in Ottakring" (vgl. dazu auch folgenden Beitrag im Gentrificationblog)


Fragt sich nur: Wozu braucht es eine städtische, durch Steuermittel finanzierte Wohnbaugesellschaft, wenn diese wie ein gewinnorientiertes Privatunternehmen Grundstücke ohne Rücksicht auf die Quartier-Bevölkerung zu Geld macht?

Die Forderung nach autonom - gemeinschaftlich - verwalteten Frei- und Wohnräumen ist eine Reaktion auf diese Politik, die der Stadtbevölkerung in Millionenschweren Werbekampagnen "sozial gerechten" Wohnbau vorgaukelt, in Wahrheit aber nur als verlängerter Arm der Bau- und Immobilienunternehmen handelt.

Eine laufend aktualisierte Linksammlung zur Besetzung des Lobmeyr-Hofes findet sich weiterhin im vorigen Beitrag in diesem Blog.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Erst informieren, dann schreiben:
Die angrenzenden 'Neu'bauten (BJ 1978...) beherbergen Genossenschaftswohnungen - wir zahlen derzeit eine Warm(!!!)Miete von 7,80 €/m2... was ja wohl ziemlich genau Ihren sozialen Vorstellungen von 5-10 €/m2 entspricht... und die Benutzung des Pools ist da schon inkludiert ;))

Jonas Reis hat gesagt…

schön für Sie :) und danke für die info, nebenbei gesagt ;) aber wie Sie sagen, sind das genossenschaftswohnungen (was ich zugegeben nicht wusste), und ob nach abriss (der umgang der stadt mit dem gebäude deutet auf diese absicht hin) des hofes A) genossenschaftswohnungen die B) mit der m2-miete eines baus des BJ 1978 konkurrieren können, entstehen, ist eine andere frage. oder anders gefragt: wie viel würden Sie Miete zahlen, würde ein derartiges gebäude wie das, das Sie bewohnen, nach heutigem baustandard neu gebaut werden? ... selbst, wenn es noch genossenschaft wäre?

so oder so scheint (meiner ansicht nach) ziemlich klar, dass ein neubau deutlich höhere m2-mieten aufweisen würde als der aktuelle bzw. renovierte lobmeyr-hof. wobei man bedenken muss, dass die stadt durch die mutwillige zerstörung der einrichtung und teilweise auch bausubstanz nach auszug der mieter für um einiges höhere renovierungskosten sorgen würde, als eigentlich nötig gewesen wären ... wenn er denn tatsächlich renoviert wird

 
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