Dienstag, 22. Mai 2012

Café Rosa in Wien besetzt

Am Montag, den 21. Mai 2012, wurde gegen Mittag das Café Rosa in der Währinger Straße 18 besetzt. Ein Kommuniqué wurde auf Indymedia und der Café Rosa-Webseite veröffentlicht. Der reguläre Betrieb war aufgrund finanzieller Probleme bereits vor einigen Wochen ausgesetzt worden, während ein Verein aus motivierten Studierenden das Lokal dann eine Weile ehrenamtlich weiter betrieb. Da die ÖH (der Uni Wien) mit dem Beschluss, das Lokal in Zukunft kommerziell zu verpachten, ihre Ideale und alternativen Ansprüche  aufgegeben hat, wollte auch der Verein nicht mehr weitermachen.

Eine Gruppe Studierender und nicht systemkonformer Jugendlicher - die Wiener Zeitung nennt sie "Studenten, Punks und Hippies" - ergriff daraufhin die Initiative und besetzte kurzerhand das Café.  Ziel ist es, das kapitalistischen Sachzwängen geopferte Konzept eines selbstverwalteten Studi-Lokals, für welches in der ÖH rund zehn Jahre mühsam gekämpft worden war, nicht nur wieder zu beleben, sondern auch auszubauen. Der Gegenbeweis zur These der ÖH, dass ein autonomes Studi-Beisl in der Praxis nicht realisierbar sei, soll nun angetreten werden. Dass ausgerechnet eine sich selbst als "links" definierende ÖH dieses Langzeitprojekt, für das sich über ÖH-Generationen viele Personen stark gemacht haben, zu Grabe trägt und den Betrieb an einen "befreundeten" Wirt verpachten will, brachte den Geduldsfaden der Studierenden endgültig zum reißen. Viele fühlen sich von ihren gewählten Vertretern belogen und betrogen, wie eine Besetzerin im Radio Orange-Interview erklärt. 


Kurzer Rückblick - Medienkampagne, "Pleite", "Privatisierung"

Im Mai 2011 gründete die linke Koalition der ÖH Uni Wien (VSStÖ, GRAS, KSV lili) das Café Rosa. In den letzten Monaten lancierte die Opposition (insbesondere Aktionsgemeinschaft (AG) und Ring Freiheitlicher Studenten (RFS)) eine einseitige Berichterstattung in den Medien, allen voran die Gratis- und Boulevardzeitungen Heute, Österreich und Krone. Das Café-Projekt sah sich nun einer massiven und untergriffigen Hetzkampagne ausgesetzt. So wurde erfolgreich der Eindruck vermittelt, eine halbe Million Euro aus ÖH-Beiträgen sei vollständig "in den Sand gesetzt worden". In Wahrheit sind die Investitionen freilich nicht verloren. Der tatsächliche Verlust für die ÖH beträgt das, was der laufende Geschäftsbetrieb über einige Monate nicht erwirtschaften konnte - also deutlich weniger. Bei rund 90.000 ÖH-Beiträge zahlenden Studierenden keine Katastrophe, wenn auch alles andere als erfreulich.

Etwa zwei Wochen lang war das Café Rosa nun fast durchgehend geschlossen und wurde nur noch zu zwei Anlässen vorübergehend geöffnet. Grund ist, dass aufgrund des defizitären laufenden Betriebs (die Miete beträgt nach uneinheitlichen Angaben etwa 3.000 bis 3.500 Euro, mit Betriebskosten kommt es auf 5.000 € im Monat) Weil die Lizenz zum Betrieb einer Küche und eines Schanigartens wider Erwartens nicht erteilt wurde, war das Erreichen eines ausgeglichenen Geschäftsbetriebs bei fairer Bezahlung des Personals und fairen Preisen für KonsumentInnen unmöglich. Daraufhin zog die ÖH die Notbremse und kündigte dem Personal. Jedoch ein eigens gegründeter Verein war, im Irrglauben, dabei von der ÖH unterstützt zu werden, motiviert, das ganze auf ehrenamtlicher Basis fortzuführen.

Die Ernüchterung folgte aber bald, als die ÖH Uni Wien mehrheitlich beschloss, den Barbetrieb an ein (noch auszuschreibendes) Unternehmen auszulagern, während die "inhaltliche Arbeit" kostenlos, quasi parallel zum kommerziellen Schankbetrieb, weitergeführt werden sollen. Nun schmiss auch der Verein das Handtuch. Vom ursprünglichen Konzept eines autonomen, nicht kommerziellen und selbstverwalteten "Studi-Beisls" ist der neue Plan der ÖH noch viel weiter entfernt, als es der reguläre Geschäftsbetrieb vor der "Quasi-Pleite" schon war. Selbstausbeutung, während alle Einnahmen einem Privatunternehmer zugute kommen, wäre wohl so ziemlich das Gegenteil davon.

Besetzung

Die Besetzung des geschlossenen Lokals lief zunächst reibungslos ab, die Räume konnten ohne Gewaltanwendung betreten werden. Die Zugangsdaten zur Webseite http://www.cafe-rosa.at sowie zum Twitter-Account waren praktischerweise auf dem Desktop des Computers im Lokal zu finden. Keine böse Absichten verfolgend wurden die Passwörter nicht geändert, sodass die ÖH am späten Nachmittag die Kontrolle über beide Kanäle zurückgewonnen  und die gesamte Webseite ersatzlos offline genommen hatte. Über Twitter wurde eine ÖH-Presseaussendung verbreitet. Währenddessen werden im Hintergrund ÖH-Fraktions-Grabenkämpfe weitergeführt. Das Niveau kann getrost als unterirdisch und einer Universität als unwürdig bezeichnet werden (vgl. auch Presseaussendungen...).

Nachdem die Besetzer das Durcheinenander, welches sie vorgefunden hatten, aufgeräumt  und die VolxköchInnen ihren Betrieb aufgenommen haben, strömten gegen Abend immer mehr Menschen in das Lokal. Über Hundert waren es zu den Spitzenzeiten. Ein Riesentopf Karotten-Kartoffel-Curry-Gulasch (so in der Art) sorgte für den kulinarischen Höhepunkt - der Barbetrieb wurde gegen freie Spenden fortgeführt. Die Getränkelager waren nur teilweise gefüllt, am späten Abend ließ man auf eigene Rechnung für den nötigen Vorrat an Club Mate, Mate Cola und Wostok sorgen. Sämtliche Spenden kommen dem antkapitalistischen Erhalt des Café Rosa zu Gute. Letztendlich ging das Bier aus. Dies war aber aufgrund der hitzigen Diskussionen zwischen allen vorhandenen Fronten im Plenum ohnehin im Interesse der BesetzerInnen. Sämtliche anderen Alkoholika wurden im Lager eingeschlossen, eine Party sollte, das wurde bereits vorab beschlossen, keinesfalls stattfinden. Vor allem nicht an diesem ersten, heiklen Abend.

Unkommerzieller Betrieb auf freier Spendenbasis? "Wohl noch nicht im richtigen Leben angekommen, oder?"

So und so ähnlich lauteten viele Kommentare in LeserInnen-Foren von Online-Medien. Daher soll kurz auf die Praxistauglichkeit des Konzepts eingegangen werden: Das Spendenaufkommen am ersten Tag war überaus erfreulich und übertraf selbst die positivsten Erwartungen (genaue Zahlen sollen keine genannt werden) - und das, obwohl ab etwa 20 Uhr kein Alkohol mehr ausgeschenkt wurde. Jedenfalls scheint die Durchführbarkeit eines unkommerziellen Betriebs auf Basis freier Spenden nach diesem Abend noch viel realistischer als aus bisherigen Erfahrungen (z.B. im Epizentrum und manch anderen gut besuchten und gut geführten autonomen Räumen in Wien) ohnehin angenommen worden war. Das Epizentrum, das vergleichsweise teures Bier ausschenkte, erwirtschaftete an zwei bis drei Tagen mit abendlichem Barbetrieb nur durch freie Spenden im Schnitt 400€ Überschuss pro Woche - und das, obwohl das Publikum überwiegend aus wenig zahlungskräftigen Schichten stammte. Beim Café Rosa in der Währinger Straße ist bei gut organisiertem Programm sicherlich von höheren Überschüssen auszugehen - das zeigte bereits der gestrige Tag.



Das erste Plenum

Im ersten Plenum, das aufgrund ganztägiger Interventionen von zahlreichen ÖH- und Vereins-Mitgliedern mit über zwei Stunden Verspätung begann, endete in einer emotional geführten Endlosdiskussion über die Verantwortung über das Lokal und wer für etwaige Schäden (bis jetzt: keine) aufzukommen habe. Ohne weiter ins Detail zu gehen - es laufen derzeit intensive Gespräche und Rechtsberatungen - war an diesem Abend kaum an inhaltliche Diskussionen und Programmgestaltung zu denken. Aus diesem Grund wurde von den BesetzerInnen beschlossen, das Lokal heute Dienstag widerwillig erst am Abend für alle zu öffnen, um zumindest ein paar Stunden Zeit zu haben, intern und in entspannter Atmosphäre über Organisatorisches, Rechtliches, Programm, Konzepte, Ziele und ihre Umsetzbarkeit zu diskutieren.

Ab 16 Uhr soll für ein Arbeitsgruppen-Treffen geöffnet werden - ein chaotisches Plenum, das sich stundenlang im Kreis dreht und von ÖH-Mitgliedern zur Selbstinszenierung und Sabotage der Gesprächsbasis durch haarsträubende Behauptungen missbraucht wird, soll auf jeden Fall vermieden werden. Zielgerichtete Diskussionen in kleineren Gruppen sollen im Vordergrund stehen. Die für 20 Uhr angekündigte Diskussion über soziale Kämpfe in Griechenland, möglicherweise auch mit Filmvorführung(en), soll wie geplant stattfinden. An weiteren Programmpunkten für die nächsten Tage wird bereits gearbeitet. Mehrere Diskussionsveranstaltungen, welche von Gruppen, die gestern zur Besetzung dazustießen, vorgeschlagen wurden (etwa zur Blockupy Frankfurt letzte Woche und der Solila-Landbesetzung in Floridsdorf, aber auch zur Kindergartenfrage am ÖH-Campus), stehen kurz vor der Umsetzung. Derzeit stehen den BefreierInnen jedoch keine Kommunikationskanäle nach Außen zur Verfügung, da die ÖH ja die Webseite lahmgelegt und Twitter besetzt hat. Lediglich telefonisch ist der Ort weiterhin erreichbar (01/3190954).

Als im Plenum eine nur kurz anwesende Person feststellte, dass in den Reihen der Plenierenden mehrheitlich Vertreter des männlichen Geschlechts zu finden seien, entstand auch gleich wieder ein Text über den unerträglichen Sexismus vermeintlicher "Sexisten-Nazis" in der Szene, mitsamt der Aufforderung, sich deshalb von Besetzungen fern zu halten. Dies soll zumindest der Vollständigkeit halber nicht verschwiegen werden. [--> siehe auch: Kommentare]

Nachtrag 23.5.: Mittlerweile gibt es auch konkretere Kritik an der Café Rosa-Besetzung vom Basisgruppen-Frauen*Plenum (siehe: "Kritik an der vorgestrigen Besetzung des Café Rosa") sowie eine Stellungnahme zum "Sexisten-Nazis"-Text (Anm.: wurde von der Indymedia-Moderation gelöscht - nachlesbar als "versteckter Beitrag"), der offenbar verfasst wurde, bevor die sachliche, nachvollziehbar verfasste Kritik des Frauen*Plenums veröffentlicht wurde. // Gegen Mittag wurde die Besetzung für beendet erklärt.


Medienberichte & Presseaussendungen

- APA-Agenturmeldung (hier z.B. auf derstandard.at / Basis aller Medienberichte zur Besetzung, nur folgende zwei Zeitungen haben eigene Reporter hingeschickt)
- Vienna Online: Lokal-Besetzung in Wien-Alsergrund: Studenten besetzen linkes Studibeisl Cafe Rosa (mit einem kleinen eigenständig recherchierten Absatz ;))
- Wiener Zeitung: ÖH-Café Rosa besetzt - "Verbrennt euer Geld" (ebenfalls mit einem eigenständigen Absatz, am zweiten Tag auch noch kurz aktualisiert, waren auch als erste dort)
- Wiener Zeitung: Hauptstadtszene - Zur Karikatur verkommen

- FM4: Café Rosa ausge(t)räumt

- OTS der ÖH Uni Wien: ÖH Uni Wien: Stellungnahme zur aktuellen Situation - Wir sind gesprächsbereit
- Stellungnahme des VSStÖ-Wien zur Besetzung des Cafe Rosa
- Stellungnahme der GRAS-Wien: Freiräume - aber wie
- OTS des Rings Freiheitlicher Studenten (RFS): RFS: Aktuelle Entwicklung im Café Rosa ist an Peinlichkeit nicht mehrzu überbieten


... to be continued
 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Über weite Strecken ein guter und differenzierter Text. Aber warum dieser letzten Absatz? Sieht so der Umgang mit Sexismus in der Wiener HausbesetzerInnenszene aus?

Jonas Reis hat gesagt…

also das mit diesen texten ist ne komplexe sache. da geht es um bereits länger andauernde konflikte zwischen bestimmten personen, das geht aus dem text aber nicht hervor, da er alle vorfälle in verschiedenen situationen als folge einer strukturell patriarchalen, sexistischen gemeinschaft darstellt, was so definitiv nicht stimmt.

dadurch wird ein nachvollziehen des anlassfalles, der zu dieser pauschalverurteilung führt, für nicht eingeweihte schwer bis gar nicht möglich, führt auch nicht unbedingt zur gewünschten thematisierung des problems bei beteiligten, wenn das ziel der kritik in einer verallgemeinerung versteckt wird.

mir war bis gerade eben nicht verständlich, wie der text zu seinem urteil kommen kann, wo die meisten besucher/innen des cafes meistens keine derartigen erfahrungen gemacht haben (wie ich aus vielen gesprächen erfahren habe und immer noch erfahre) - der grund ist, dass es um bestimmte personen und bestimmte situationen geht. das wäre durchaus berechtigte kritik, vermittelt wird aber etwas anderes, eine art warnung vor einer horde wilder männlicher bestien. das entspricht nicht annähernd der realität und sowas zu behaupten schießt meiner meinung nach deutlich übers ziel hinaus und diskreditiert eine ganze szene, vor der sich potentiell interessierte nun hüten, damit in berührung zu kommen - das schadet nicht nur den personen, die mit der "kritik" getroffen werden sollen. eine sachliche diskussion über die vorwürfe ist so gut wie nicht möglich, da die beschuldigten großteils gar nicht wissen, auf welche ereignisse bzw. welchen anlassfall im café rosa (außer dem fürchterlichen umgangston am plenum am montagabend, auf das der text jedoch keinen bezug nimmt, stattdessen aber eine verbindung mit vergewaltigungen vor einem halben jahr in einem anderen projekt behauptet, was absolut haarsträubend ist) sich die behauptungen beziehen ...

ich will hier überhaupt keine sexistischen vorfälle oder übergriffe in der vergangenheit relativieren, aber diese über die café rosa-besetzung zu stülpen und alle dort involvierten personen eine verantwortung dafür zuzusprechen ist doch völliger blödsinn - dass es insbesondere an plena dominantes diskussionverhalten gibt steht außer frage und gehört auch kritisiert, aber wenn das der anlass für die diskursive vernichtung der besetzung und der darin involvierten personen sein soll, ist das für mich weit übers ziel hinausgeschossen und erweckt für außenstehende einen er- und abschreckenden eindruck, den besucher/innen, die tatsächlich vor ort sind, großteils nicht teilen können.

wenn man jedoch gerade am ersten plenum mit sehr aufgeheizter stimmung ist, wo verschiedene gruppen aufeinander losgehen (aus politischen, nicht geschlechtlichen gründen), ist das kein repräsentativer eindruck dafür, wie es die übrige zeit abläuft - die allerdings (am dienstag) ohnehin großteils für diskussionen mit oder über die ÖH verwendet wird, während wenig anderes nebenbei passiert.

Anonym hat gesagt…

der artikel der wiener zeitung mit dem titel "verbrennt euer geld" enthält einen eindeutigen hinweis auf die identität eines besetzers. ich finde das ziemlich problematisch. also, lässt sich natürlich diskutieren, ob mensch so "übervorsichtig" sein muss. ich finde eben ja. ich werde die wiener zeitung auch nochmal drauf hinweisen, ob das zielführend ist, ist fraglich. und euch wollt ich auch noch einmal darauf aufmerksam machen.

danke und ag

 
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